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Aus der Sicht eines Arbeitsrechtsanwalts

Dominik Leiter plaudert aus dem Nähkästchen

 

Eine Deiner fachlichen Schwerpunkte ist ja das Arbeitsrecht. Warum eigentlich?

Eigentlich unbeabsichtigt, weil ich als Konzipient am Anfang in einer Kanzlei tätig war, die Arbeitnehmer vertreten hat. Und diese Kompetenz bin ich später in der Großkanzlei nie wieder los geworden. Für Transaktionsanwälte war Arbeitsrecht lange Zeit gar kein Rechtsgebiet in dem Sinn. Und daher war derjenige, der davon auch nur ein wenig Ahnung hatte, immer der Spezialist. Und das blieb so, auch als ich dann schon einiges an Expertise erworben und Massenkündigungen von mehreren tausend Mitarbeitern, Outsourcing ganzer Konzernbereiche und andere Großprojekte zu betreuen hatte.

Mich hat aber am Meisten der Umgang mit Menschen interessiert und zu sehen, welche Auswirkungen die eigene Arbeit auf Menschen hat. Und das ist zum Beispiel im Umgründungssteuerrecht jetzt nicht so der Fall.

Arbeitsrecht ist aber keine Stand-Alone-Materie. Wer im Transaktionsbereich den Ablauf und die Dokumentation nicht versteht, kann auch keinen sinnvollen arbeitsrechtlichen Input liefern. Wer bei internen Untersuchungen weder den Ablauf noch den Untersuchungsgegenstand versteht, kann nicht mit den betroffenen Mitarbeitern umgehen. Und wer mit Compliance nicht umgehen kann, kann keine Lösungen finden, die HR und Legal-Abteilung zufriedenstellen.

 

Was sind die häufigsten Themen, denen man sich als Arbeitsrechtsanwalt so zu stellen hat?

Nun, einerseits Gerichtsverfahren. Oft geht es dort um Themen im Zusammenhang mit der Beendigung von Arbeitsverhältnissen, etwa Kündigungsanfechtungen oder Schadenersatzforderungen. Richtig zur Sache geht es in der Regel dann, wenn mehrere Mitarbeiter betroffen sind, was schnell passieren kann, wenn es strukturelle Themen betrifft. Viele Streitigkeiten sind eigentlich unnötig, und deshalb werden auch viele schon in der ersten Verhandlung verglichen – was gut ist, denn Gerichtsverfahren gerade im Arbeitsrecht binden Ressourcen auf beiden Seiten, die man viel besser einsetzen kann. Aber manche Streitigkeiten müssen auch geführt werden und die mit allem Nachdruck.

Andererseits – und das ist der weitaus überwiegende Teil der arbeitsrechtlichen Arbeit bei Weisenheimer Legal – ist es die rechtliche Unterstützung von HR-Abteilungen und Arbeitgebern bei der Bewältigung der arbeitsrechtlichen Themen – Dienstverträge, Betriebsvereinbarungen, Bonusmodelle, In- und Outsourcingprozesse, Massenkündigungen, aktuell auch Kurzarbeitsanträge und vieles andere mehr. Und jetzt auch die Umstellung ganzer Entlohungssysteme, wie jetzt unter dem Handels-Kollektivvertrag.

 

Betreut Weisenheimer Legal nur Arbeitgeber oder auch Arbeitnehmer?

Manche Kollegen vertreten ausschließlich Arbeitgeber, schlicht, weil die Beratung für Arbeitnehmer sehr teuer ist und oftmals von der Arbeiterkammer übernommen wird. Wir haben das früher auch gemacht und nur für Arbeitgeber oder das höhere Management gearbeitet, aber wenn uns Arbeitnehmer wirklich brauchen und wir Sinnvolles bewirken können, übernehmen wir dann auch gerne die Vertretung des Arbeitnehmers.

 

Welche Tätigkeiten mag ein AR-Anwalt am liebsten, welche am wenigsten?

Nun, es sind an sich dieselben Tätigkeiten, die man am meisten hasst und am meisten liebt. Nämlich die, wo es besonders menschlich zugeht. Es macht einen schon betrübt, wenn man Menschen kündigen muss, die dann vor dem Nichts stehen und die nichts dafür können. Gleichzeitig ist es aber gerade dort, wo man sich auch erfolgreich einbringen kann um menschliches Leid im Interesse aller Beteiligten zu lindern.

 

Wie kann man Mandanten am meisten unterstützen?

Es hilft schon sehr, wenn man schon länger gemeinsam arbeitet. Das macht die Prozesse effizient, man kann aber auch einschätzen, was der Klient tatsächlich will. Von der Form her (man kann ja rechtliche Empfehlungen in zwei Sätzen formulieren oder in 20 Seiten) oder von den Resultaten her.

Am Wichtigsten ist es aber, seine Klienten zu verstehen. Und das ist oft gar nicht so leicht. Weil man dazu oft Fragen stellen muss, die von Anwälten nicht erwartet werden. Und auch den Auftrag, der einem erteilt worden ist, hinterfragen muss.

 

Arbeitsrecht ändert sich laufend, neue Gesetze kommen hinzu … Rsp. Wie hält man sich da am Laufenden?

Nun, Fortbildung ist Pflicht. Auch wenn sich die Herangehensweise dazu im letzten Jahr erheblich geändert hat. Nicht nur weil Präsenzveranstaltungen nicht stattfinden, sondern auch weil sich vieles im Recht sehr schnell ändert, schneller als zuvor.

Früher war ich auf 4-5 Konferenzen im Jahr, um dort einiges dazuzulernen zu neuen Trends, aktuellen Entwicklungen oder Methoden. Im letzten Jahr sind diese alle ausgefallen und haben zum Teil nur online stattgefunden.

 

Ist ein internationales Netzwerk wichtig?

Ja, immens. Sehr oft sind in der Praxis Sachverhalte grenzüberschreitend geworden, vor allem wenn Mitarbeiter im Konzern tätig sind oder entsendet bzw überlassen werden. Und oft gibt es auch Themen, wo man Kollegen aus anderen Ländern beiziehen oder mit ihnen arbeiten muss, etwas bei internen Untersuchungen, oder bei konzernweiten Vertragswerken und -mustern, aber auch bei Transaktionen, die über die Landesgrenzen hinausgehen. Das Arbeitsrecht ist ja selbst innerhalb Europas noch recht unterschiedlich gestaltet. Und deshalb betreuen wir unsere Netzwerke recht ausführlich.

 

Was hat sich für Arbeitsrechtsanwälte durch Corona geändert?

Für uns wenig. Wir waren bei WL vor Corona schon sehr mobil und flexibel, auch und gerade im Arbeitsrecht. Am Anfang war der Workload durch Corona recht massiv; insbesondere die Kurzarbeit hat uns beschäftigt und einiges an Kündigungen. Was man aber derzeit stark bemerkt ist, dass das Klima in vielen Betrieben rauher geworden ist. Einerseits aus Mangel an Aufträgen und Cash Flow mit den damit verbundenen Einsparungsmaßnahmen, andererseits aber auch, weil Home Office und Kurzarbeit den persönlichen Umgang ersatzlos einschränken. Was angesichts dessen, dass viele Arbeitnehmer ohnehin schon einiges an Themen zu bewältigen haben, ganz erheblich negative Auswirkungen hat. Und daran gilt es in den nächsten Jahren stark zu arbeiten.

 

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